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Archiv 2003 Pressemitteilungen - Veröffentlichungen

Theologischer Standort des Bundesverbandes Evangelischer Arbeitnehmer und der angeschlossenen Verbände


 

Der theologische Standort des Bundesverbandes Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen (BVEA) und seiner angeschlossenen Verbände wurde in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Evangelischen Arbeitervereine mehrfach neu gefunden und als Aussage festgelegt.

Im 19. Jahrhundert ist die Frage, und besonders die soziale Frage der Arbeitnehmerschaft von der Evangelischen Kirche durch die Einheit von Thron und Altar ziemlich eindeutig festgelegt worden. Grundlegend war die Stellung der Amtskirche zu den Arbeitern auch eher als obrigkeitsstaatlich anzusehen. Mit der Gründung von Evangelischen Arbeitervereinen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts versuchten insbesondere Gemeindepfarrer vor Ort, speziell in den großen Industrieregionen, die sozialen Belange der Arbeiter wieder ins kirchliche Geschehen einzubeziehen. Man war davon überzeugt, dass christlicher Glaube, die naturgegebenen Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit überwinden würde. Gleichzeitig wurden auch die Chancen eines solidarischen Zusammengehens der Arbeiter in den Kirchengemeinden erkannt.

Die Losung:

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen

 

konnte treffend, theologisch, Solidarität beschreiben und als gestalterische Kraft ein einem christlichen Miteinander innerhalb und außerhalb der Arbeiterschaft festgelegt werden.

Schnell fanden auch die überwiegend konservativen Kreise innerhalb der damaligen Evangelischen Kirche Gefallen an den Aktivitäten Evangelischer Arbeitervereine. Wurden sie dabei doch auch vor dem "gottlosen Kommunismus" bewahrt.

Leider stellten sich die Argumente z. B. dass christlicher Glaube die sozialen Gegensätze überwinden kann, als historischer Irrtum heraus. Gleichzeitig hat auch das obrigkeitsstaatliche Verhalten der Amtskirchen einen großen Anteil, dass die Arbeiterschaft in ihrer Mehrheit den Kirchen verloren gingen. Bis Heute hat sich die Evangelische Kirche davon nicht erholt.

Arbeitnehmer betrachteten günstigstenfalls die Evangelische Kirche z. B. als Service-Einrichtung zur Gestaltung der wichtigen Lebensdaten wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Tod bzw. der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes. Auch innerhalb der Pfarrerschaft herrscht eine erhebliche Unkenntnis über die Belange der Arbeitnehmer. Zwar hat man nach dem 2. Weltkrieg die Kirchlichen Dienste in der Arbeitswelt eingerichtet, die aber Amtskirchlich eingesetzt und gesteuert sind und mit ihren sicherlich gut ausgebildeten Mitarbeiter(innen) offene Kreise auf Synodalebene gründen können.

Die teilweise über wirtschaftliche Möglichkeiten hinausgehenden Resolutionen und Vorschläge mit hohen ethischen Ansprüchen, des KDA trafen nie so richtig auf die Interessenlage der Arbeiterschaft (dort spräche man von einem christlichen Sozialismus).

Parallel zu den Arbeitervereinen gründeten sich die Evangelischen Arbeitervereine mit einer engen Bindung an die örtliche Kirchengemeinde, den Pfarrer, aber mit einer ebenso großen Bindung an die Arbeitswelt und ihren sozialen und wirtschaftlichen Zwängen.

Die Mehrheit der Evangelischen Arbeitnehmer war und ist bis auf den heutigen Tag z. B. Gewerkschaftsmitglied. Viele Mitglieder sind Betriebsräte und/oder in den Mitbestimmungsgremien wie Aufsichtsräte oder in den Selbstverwaltungsorganen unseres Solidarsystems tätig, bzw. als Arbeits-, Sozial-, Finanzrichter usw. berufen.

Mit der Gründung der Bundesrepublik eröffneten sich Möglichkeiten, die z. B. keine andere kirchliche Einrichtung hatte. Die Evangelischen Arbeitnehmer haben über ihre ehrenamtlichen Strukturen, eine basisdemokratische Ausgangssituation. Die Chancen und Möglichkeiten, die Arbeitnehmerfragen ohne "Schwellenängste" innerhalb der Gemeinden und der Gesamtkirche verständlich zu machen, was ein normales Presbyterium bzw. Kirchenvorstand durch die geringe Wahlbeteiligung und dem damit verbundenen einseitigen Privilegierungen bzw. Unterprivilegierungen ganzer Gruppen von Evangelischen Christen, bis auf den heutigen Tag nicht schaffen konnte.

Deshalb ist die ehrenamtliche Tätigkeit von Evangelischen Arbeitnehmern in den sozialen Bereichen unserer Wirtschaft, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften usw. eine der größten Chancen die unsere Evangelische Kirche hat, wieder näher an die Arbeitnehmer und ihren Problemen heranzukommen und entsprechend ihrem christlichen Auftrag zu handeln.

Werner Künkler

stellv. Bundesvorsitzender des BVEA

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