Der theologische Standort des Bundesverbandes
Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen (BVEA) und seiner angeschlossenen
Verbände wurde in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Evangelischen Arbeitervereine
mehrfach neu gefunden und als Aussage festgelegt.
Im 19. Jahrhundert ist die Frage,
und besonders die soziale Frage der Arbeitnehmerschaft von der Evangelischen
Kirche durch die Einheit von Thron und Altar ziemlich eindeutig festgelegt
worden. Grundlegend war die Stellung der Amtskirche zu den Arbeitern auch
eher als obrigkeitsstaatlich anzusehen. Mit der Gründung von Evangelischen
Arbeitervereinen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts versuchten insbesondere
Gemeindepfarrer vor Ort, speziell in den großen Industrieregionen, die sozialen
Belange der Arbeiter wieder ins kirchliche Geschehen einzubeziehen. Man war
davon überzeugt, dass christlicher Glaube, die naturgegebenen Gegensätze zwischen
Kapital und Arbeit überwinden würde. Gleichzeitig wurden auch die Chancen
eines solidarischen Zusammengehens der Arbeiter in den Kirchengemeinden erkannt.
Die Losung:
Einer trage des anderen Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen
konnte treffend, theologisch, Solidarität
beschreiben und als gestalterische Kraft ein einem christlichen Miteinander
innerhalb und außerhalb der Arbeiterschaft festgelegt werden.
Schnell fanden auch die überwiegend
konservativen Kreise innerhalb der damaligen Evangelischen Kirche Gefallen
an den Aktivitäten Evangelischer Arbeitervereine. Wurden sie dabei doch auch
vor dem "gottlosen Kommunismus" bewahrt.
Leider stellten sich die Argumente
z. B. dass christlicher Glaube die sozialen Gegensätze überwinden kann, als
historischer Irrtum heraus. Gleichzeitig hat auch das obrigkeitsstaatliche
Verhalten der Amtskirchen einen großen Anteil, dass die Arbeiterschaft in
ihrer Mehrheit den Kirchen verloren gingen. Bis Heute hat sich die Evangelische
Kirche davon nicht erholt.
Arbeitnehmer betrachteten günstigstenfalls
die Evangelische Kirche z. B. als Service-Einrichtung zur Gestaltung der wichtigen
Lebensdaten wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Tod bzw. der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes.
Auch innerhalb der Pfarrerschaft herrscht eine erhebliche Unkenntnis über
die Belange der Arbeitnehmer. Zwar hat man nach dem 2. Weltkrieg die Kirchlichen
Dienste in der Arbeitswelt eingerichtet, die aber Amtskirchlich eingesetzt
und gesteuert sind und mit ihren sicherlich gut ausgebildeten Mitarbeiter(innen)
offene Kreise auf Synodalebene gründen können.
Die teilweise über wirtschaftliche
Möglichkeiten hinausgehenden Resolutionen und Vorschläge mit hohen ethischen
Ansprüchen, des KDA trafen nie so richtig auf die Interessenlage der Arbeiterschaft
(dort spräche man von einem christlichen Sozialismus).
Parallel zu den Arbeitervereinen
gründeten sich die Evangelischen Arbeitervereine mit einer engen Bindung an
die örtliche Kirchengemeinde, den Pfarrer, aber mit einer ebenso großen Bindung
an die Arbeitswelt und ihren sozialen und wirtschaftlichen Zwängen.
Die Mehrheit der Evangelischen
Arbeitnehmer war und ist bis auf den heutigen Tag z. B. Gewerkschaftsmitglied.
Viele Mitglieder sind Betriebsräte und/oder in den Mitbestimmungsgremien wie
Aufsichtsräte oder in den Selbstverwaltungsorganen unseres Solidarsystems
tätig, bzw. als Arbeits-, Sozial-, Finanzrichter usw. berufen.
Mit der Gründung der Bundesrepublik eröffneten sich Möglichkeiten, die z.
B. keine andere kirchliche Einrichtung hatte. Die Evangelischen Arbeitnehmer
haben über ihre ehrenamtlichen Strukturen, eine basisdemokratische Ausgangssituation.
Die Chancen und Möglichkeiten, die Arbeitnehmerfragen ohne "Schwellenängste"
innerhalb der Gemeinden und der Gesamtkirche verständlich zu machen, was ein
normales Presbyterium bzw. Kirchenvorstand durch die geringe Wahlbeteiligung
und dem damit verbundenen einseitigen Privilegierungen bzw. Unterprivilegierungen
ganzer Gruppen von Evangelischen Christen, bis auf den heutigen Tag nicht
schaffen konnte.
Deshalb ist die ehrenamtliche Tätigkeit von Evangelischen Arbeitnehmern in
den sozialen Bereichen unserer Wirtschaft, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften
usw. eine der größten Chancen die unsere Evangelische Kirche hat, wieder näher
an die Arbeitnehmer und ihren Problemen heranzukommen und entsprechend ihrem
christlichen Auftrag zu handeln.
Werner Künkler
stellv. Bundesvorsitzender des
BVEA
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